Frage 1:
»Herr Dr. Schmidt, Sie haben zu Beginn des neuen Jahres Ihre
Mitglieder um ein Stimmungsbild ihrer wirtschaftlichen Lage befragt.
Was sind die Antworten?«
Dr. Volker Schmidt:
»Die Antworten sind deutlich positiver als vor einem Jahr. Wir können feststellen: Die Talsohle ist durchschritten, es geht langsam wieder aufwärts. Wir müssen aber davor warnen zu glauben, dass wir jetzt wie ein Flummi wieder nach oben springen, als ob nichts gewesen wäre. Dafür ist der Boden zu morastig. Es ist ganz einfach so: Dieser Abschwung – dieser Einbruch muss man ja sagen – war so tief und vor allem in einer Dramatik, in einer Schnelligkeit, wie es ihn eigentlich bisher in der Wirtschaftsgeschichte seit dem 2. Weltkrieg nicht gegeben hat.
Wir haben 2008/2009 einen sehr harten Einschnitt in der Kautschukindustrie hinter uns gebracht. Wir sind im Augenblick bei der Kapazitätsauslastung, wenn Sie so wollen, 30 Meter unter der Wasseroberfläche. Das heißt auf 70-72 Prozent. Und wir müssen gucken, dass wir jetzt genug Luft in die Lungen kriegen, um wieder an das alte Niveau heranzukommen. Das wir uns sicherlich nicht 2010 gelingen. Aber wir sind guter Dinge, dass wir in 2010 doch zumindest um 10-15 Prozent in der Produktion zulegen werden und dann so langsam wieder in Richtung des alten Niveaus kommen – 2011, 2012.«
Frage 2:
»Herr Dr. Schmidt, wie ist denn das Lager der Optimisten
und der Pessimisten aufgeteilt?«
Dr. Volker Schmidt:
»Wir haben im Unterschied zur Situation von vor einem Jahr deutlich mehr Optimisten. Jedes dritte Unternehmen rechnet mit einer deutlichen Belebung der Produktion und der Auslastung. Und immerhin jedes zweite Unternehmen, 50 Pozent, sagen: Wir stabilisieren uns auf diesem Niveau, aber es geht nicht weiter abwärts.«
Frage 3:
»Und wie läuft das Geschäft mit den ausländischen Kunden?«
Dr. Volker Schmidt:
»Auch hier haben wir einen zunehmenden Optimismus zu registrieren – Gott sei Dank. Jedes dritte Unternehmen geht davon aus, dass sich die Lage auf den Auslandsmärkten dieses Jahr spürbar verbessert. Das ist gegenüber anderen Branchen ein sehr guter Wert im augenblicklichen Stadium.«
Frage 4:
»Lassen Sie uns über die Mitarbeiterentwicklung sprechen.«
Dr. Volker Schmidt:
»Wir haben natürlich – wie in anderen Industriebranchen auch – 2009 einen sehr scharfen Einschnitt gehabt. Wobei auch hier im Automobilzuliefer-Bereich die Dinge nicht einheitlich sind. Es gibt eine ganze Reihe von Zulieferern, die sehr stark profitiert haben von den Effekten der Abwrackprämie, das ist gar keine Frage. Und die zum Teil auch Kurzarbeit, die sie ursprünglich eingesetzt hatten, wieder abgeschafft haben und jetzt mit voller Kapazität arbeiten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine ganze Reihe von Unternehmen, die natürlich diesen Abschwung mitgenommen haben und auch darunter gelitten haben, dass die Automobilproduzenten im 1. Halbjahr vor allem ihre Lagerbestände abgebaut haben. Hier hoffen wir jetzt auf eine sehr vorsichtige, aber doch nach oben in der Tendenz gerichtete Stabilisierung. Denn eines ist natürlich auch klar: Wir werden in 2010 aufgrund von zahlreichen Modellwechseln bei den großen Fahrzeugherstellern auch eine Belebung im Premium-Segment haben und wir hoffen, dass wir davon profitieren.«
Frage 5:
»Noch vor einem Jahr war eine zunehmende Kreditklemme zu befürchten.
Welchen Eindruck haben Sie heute?«
Dr. Volker Schmidt:
»Wir müssen heute feststellen, dass die Stigmatisierung der Autozulieferbranche, zumindest was das 2. Halbjahr 2009 betrifft, wo wir jedoch mit sehr negativen Vorzeichen von zahlreichen Kreditinstituten gesehen wurden – dass diese Stigmatisierung ein Stück weit in den Hintergrund gerückt ist und wir hier, wie in anderen Branchen auch, eine Entspannung der Lage feststellen. Was uns in besonderer Weise wichtig ist: Es geht jetzt gar nicht mal um Kapazitätsausweitung, es geht gar nicht mal um Nettoinvestitionen für die wir Kreditmittel brauchen. Wir brauchen Kreditmittel vor allem für die Finanzierung von Betriebsmitteln, also Rohhilfsbetriebsstoffe, letztendlich Investitionen in die Vorfinanzierung von Aufträgen, die unerlässlich sind, soll es mit der Wirtschaft wieder aufwärts gehen.«
Frage 6:
»In vielen Unternehmen ist Kurzarbeit an der Tagesordnung.
Wie wird sich das in Zukunft auswirken?«
Dr. Volker Schmidt:
»Man muss immer wieder hinzufügen: Kurzarbeit ist ein Rettungsring, aber kein Rettungsboot. Gleichwohl - wir haben 2009 mit der sehr pragmatischen und sehr unkonventionellen Vorgehensweise der Bundesregierung die Lage in den Betrieben erfreulicherweise stabilisieren können. Und über die Stabilisierung der Belegschaften in den Unternehmen natürlich auch einen Beitrag dazu geleistet, dass die gesamtwirtschaftliche Leistung nicht wesentlich stärker eingebrochen ist. Das steht außer Zweifel. Wir müssen uns aber natürlich die Frage stellen, wie lange man Kurzarbeit unter diesen jetzigen Bedingungen weiter gewähren kann. Wir sind dankbar und freuen uns darüber, dass die Regelung ›Volle Erstattung der Sozialversicherungsbeiträge‹ für 2010 weiter läuft. Und wir denken, man muss auch über diesen Zeitpunkt hinaus Kurzarbeit in der einen oder anderen Form weiter laufen lassen. Das heißt, wir müssen jetzt unsere Konzentration darauf legen, eine Weiterentwicklung dieses hochintelligenten Modells zu konzipieren. Darüber laufen im Moment Gespräche und wir werden sehen, was die nächsten Monate bringen. Wir sind aber hoffnungsfroh, dass wir zu einer doch wie auch immer gearteten Weiterentwicklung des Modells der Kurzarbeit kommen.«