Hannover – 7. Januar 2010. „Wir sind auf Erholungskurs, aber die Wegstrecke ist lang. Gleichwohl bedeutet das Ende der Talfahrt noch kein Ende der Krise.“ Dieses Fazit zieht Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer der im Haus der Industrie zusammengeschlossenen Arbeitgeberverbände, aus der diesjährigen Konjunkturumfrage.
Danach erwarten gut 50 Prozent der knapp 700 befragten Industriebetriebe, dass sie auch 2010 auf dem niedrigen Niveau des letzten Jahres bei Produktion und Export bleiben werden. Schwach fallen in Folge dessen die Investitionen aus: Nur 19 Prozent der Betriebe wollen mehr investieren als im vergangenen Jahr.
Dass ihnen eine noch lange Wegstrecke zurück auf das Niveau vor der Krise bevorsteht, zeigt die erwartete Auslastung der Maschinen und Anlagen. Auf lediglich drei Viertel (75 Prozent Metall-Industrie, 77 Prozent Kautschuk-Industrie) wird – so die Erwartung - die Kapazitätsauslastung in diesem Jahr ansteigen. „Wir arbeiten derzeit im Schnitt mit gut 70 Prozent Kapazitätsauslastung und erwarten, dass wir uns im Laufe des Jahres wieder auf 75 bis 77 Prozent steigern werden. Das heißt aber auch, wir werden dieses Jahr immer noch 25 Prozent unter dem Niveau des 1. Halbjahres 2008 bleiben“, so Schmidt.

Die Umfrage hat auch ergeben, dass die Unternehmen in Niedersachsen bisher vergleichsweise glimpflich durch die Krise gekommen sind. Zwei Drittel der Metall- und Elektro-Betriebe haben trotz des gewaltigen Produktionsrückgangs (im Durchschnitt 30 Prozent) die Mitarbeiterzahl in 2008 weitgehend gehalten. „Die Unternehmen konnten lange Zeit mit flexiblen Arbeitszeitkonten sowie Kurzarbeit ihre Beschäftigten halten und werden dies auch im kommenden Jahr nach Kräften versuchen. Wir befürchten, dass in Folge der unverändert niedrigen Auslastung der Kapazitäten die finanziellen Engpässe der Unternehmen zunehmen. Wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind und die Existenz der Betriebe auf der Kippe steht, werden die Betriebe nicht umhinkommen auch umzustrukturieren“, führt Schmidt weiter aus.
So gehen rund 40 Prozent der Metall- und Kautschukbetriebe davon aus, dass sie in 2010 die Beschäftigung an die niedrige Auslastung anpassen müssen. Die Umfrage zeigt auch, Kurzarbeit hat sich aus Sicht der Unternehmen bewährt. Mehr als die Hälfte will den Facharbeiterstamm im Betrieb halten und wird deshalb auch in diesem Jahr die Kurzarbeit fortsetzen. Ein Großteil (59 Prozent Metall, 56 Prozent Kautschuk) sieht die Wirkung der Kurzarbeit gefährdet, wenn ab 2011 der Sozialversicherungsbeitrag nicht mehr erstattet wird. Schmidt: „Kurzarbeit wird dann für viele Betriebe zu teuer. Deswegen müssen wir über eine intelligente Weiterentwicklung der Kurzarbeit nachdenken“
Eine vorsichtige Entspannung zeichnet sich bei der Kreditvergabe ab. Offenbar hat die intensive Diskussion über eine Kreditklemme Wirkung gezeigt. So spüren im Januar 2010 vier von zehn Metall-Unternehmen eine Kreditklemme. Vor einem Jahr (Januar 2009) sprachen noch mehr als sechs von zehn Unternehmen davon. Schmidt: „Wir haben schon frühzeitig vor einem Jahr darauf hingewiesen und Abhilfe eingefordert. Heute können wir sagen: Unsere Warnungen und Hinweise haben Wirkung gezeigt. Wir wissen aber auch, bei der Kreditvergabe sind wir noch lange nicht übern Berg.“
Aus Sicht der Arbeitgeberverbände wirkt sich in Niedersachsen in besonderer Weise die Vielfalt der Kreditwirtschaft vorteilhaft aus. „Wir brauchen den Wettbewerb der Banken, wir brauchen starke Sparkassen und Volksbanken. Eine Bankenstruktur ohne die Norddeutsche Landesbank wäre für die Kreditversorgung in Niedersachsen verheerend“, so Schmidt.
Er appellierte an Politik, Gewerkschaft und Wirtschaft weiterhin unkonventionell und pragmatisch zu handeln. „Wir alle sollten unsere Anstrengungen darauf richten, die Sozialabgaben stabil zu halten und die Liquidität der Unternehmen zu sichern. Dies hat uns vor dem Hintergrund eines beispiellosen wirtschaftlichen Einbruchs geholfen, die Beschäftigung in 2009 zu stabilisieren und damit die Inlandsnachfrage zu sichern“, sagt Schmidt. Die Arbeitgeber erteilen aktuellen Steuerplänen eine klare Absage. „Wir brauchen keine aufgeregten Debatten um Steuerreformen und einen Stufentarif bei der Einkommenssteuer. Dieser ist derzeit ein Luxusproblem. Unser Land hat gegenwärtig andere Sorgen.“